Bericht des Deutschen Hauses von Naruto

Herausgeber:
Deutsches Haus von Naruto
Aza Higashiyamada, 55-2 Hinoki
Oasa-cho, Naruto-City,
779-0225 Japan
TEL(088)689-0099
FAX(088)689-0909

Die erste Nummer
Zur Herausgabe von "Ruhe"
(Bericht des Deutschen Hauses)

Von Toshiaki Kamei,
Oberbürgermeister der Stadt Naruto

Das neue Jahrhundert hat begonnen, und der vielseitige Austausch von Informationen läßt eine bisher nicht da gewesene Weite erkennen.
In diesem Zusammenhang lassen uns eine Reihe von Vorfällen, angefangen mit jenem in New York vor kurzer Zeit, mit dem einfachen Zusammenbruch des Weltfriedens und der Weltordnung einen tiefen Riss verspüren. Doch wir sollten auf ein großes Ereignis gegenseitiger Verständigung und gegenseitigen Austausches unter Menschen zurückblicken, bei dem die Unterschiede von Glauben, Kultur und Völker überwunden wurden.

Meeresstrudel in der Naruto-Meeresenge

Das Deutsche Haus unserer Stadt wurde auf dem Hintergrund eines freundschaftlichen Kulturaustausches der hiesigen Bevölkerung mit deutschen Kriegsgefangenen, der sich um das Kriegsgefangenenlager Bando während des Ersten Weltkrieges rankt, der darauffolgenden, geerbten Hinterlassenschaften jener deutschen Soldaten als auch zur Förderung der Erziehung erbaut.
Auf dieser Grundlage aufbauend, setzen wir uns für den internationalen Kulturaustausch ein. Dieser Kulturaustausch beinhaltet den Austausch mit der Partnerstadt Lüneburg, das Auffinden von Unterlagen der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen über deren Nachkommen, sowie die Herausgabe der Lagerzeitung " Die Baracke " der damaligen Kriegsgefangenen in deutscher und japanischer Version.
In diesem Sinne hat unsere Stadt zudem beschlossen, auch eine deutsche Ausgabe des Berichtes des Deutschen Hauses als ein Glied desselben herauszubringen. Ich würde mich dabei sehr über Unterstützung und Beistand freuen.


Zum Deutschen Haus

Von Ichiro Tamura,
Direktor des Deutschen Hauses

1. Einleitung: Zur Geschichte

Deutsches Haus in Naruto
Wenn man sagt "Japan und Deutschland haben gegeneinander gekämpft", so werden wohl viele darüber überrascht sein. Was die Beziehungen Japans zu Deutschland betrifft, so erhielt Japan doch schließlich Hilfe bei der Erschaffung einer Verfassung und blickte zu den Anleitungen im Heereswesen auf. Zudem waren während des Zweiten Weltkrieges beide Länder zusammen mit Italien Verbündete. Aber es gab auch eine Zeit, in der beide Länder sich bekämpften. Es war im Jahre 1914 (3. Jahr der Taisho-Ära) mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Schauplatz war die Stadt Tsingtao auf der chinesischen Halbinsel Shangtung.
Zu jener Zeit war Japan mit England verbündet, und England bat um Beistand zum Schutz seiner Schiffe. Bei dieser Gelegenheit schickte Japan 30.000 Soldaten nach Tsingtao, wo sich der deutsche Stützpunkt befand. Auf Seiten der sich verteidigenden Deutschen waren es insgesamt nur 5.000 Soldaten, und nach ungefähr drei Monaten standen Sieger und Besiegte fest.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen kamen ca. 4.700 deutsche Soldaten als Kriegsgefangene nach Japan und wurden an zwölf verschiedenen Orten untergebracht. Aber da es sich hauptsächlich dabei um Tempel und öffentliche Gebäuden handelte, war es um die Unterbringungsbedingungen nicht gut bestellt. Daher brachte man die Kriegsgefangenen später in sechs neu gebauten bzw. renovierten Lagern unter, wozu auch amerikanische Diplomaten rieten. So wurden auch die drei Lager Matsuyama, Marugame und Tokushima auf Shikoku zu dem Lager Bando im heutigen Stadtteil Oaza-cho von Naruto zusammengelegt. Dies war im April 1917 (6. Jahr der Taisho-Ära).
Dort verbrachten rund Tausend deutsche Soldaten zwei Jahre und zehn Monate. Während dieser Zeit brachte man ihnen sowohl von Seiten der Lagerverwaltung, wie z.B. von dem Lagerkommandaten Oberst Toyohisa Matsue, als auch von Seiten der dortigen Bevölkerung, die sich mit den deutschen Soldaten anfreundete und diese mit "Herr Deutscher" anrief, Fürsorge entgegen. So galt das Lager Bando als ein Musterlager, und die Kriegsgefangenen führten dort ein vergleichsweise angenehmes Leben.


2. Verschiedene Aktivitäten im Lager Bando

In Japan galt es als alters her als eine Schande, vom Feind gefangengenommen zu werden. Bei einer Niederlage im Kampf nahmen sich deswegen derer viele das Leben, auch deren Frauen und Kinder miteingeschlossen. Aber im Westen, wo man auch als Kriegsgefangener in einer Form von Dienst steht, ist es üblich, die heimkehrenden Kriegsgefangenen, die die Mühsalen überstanden haben, als Helden zu empfangen.
Auch mit den deutschen Kriegsgefangenen verhielt es sich so, und sie machten sich ernsthaft Gedanken, wie sie die Zeit bis zum Tage ihrer Heimkehr sinnvoll verbringen sollten. Angesichts der Wissenschaften und Techniken, sowie mit einem Stolz auf die eigene hochindustrialisierte Heimat verbrachten sie ihr Leben als Kriegsgefangene nicht dumpf vor sich hin, sondern sie waren in vielerlei Dingen aktiv. Auf dem weitläufigen Gelände außerhalb des Lagers, das man sich mit der Fürsorge von Seiten der Lagerverwaltung lieh, legte man sich u.a. allerlei sportliche Anlagen, Gemüsegärten und Viehställe an.
In kultureller Hinsicht ist zwar die Uraufführung von Beethovens Neunter Sinfonie berühmt, doch außer dieser Aufführung veranstalteten sie auch über Hundert andere Konzerte. Natürlich fanden auch Theateraufführungen statt, und der Andrang der Kriegsgefangenen, eine Frauenrolle zu spielen, war groß. Auch waren sie bemüht, das geistige Niveau zu färdern, und einmal die Woche wiederholten sich Vorlesungsversammlungen und Studientreffen. Was aber besonders bemerkenswert ist, sind die Drucke, wie z.B. die Plakate zu den einzelnen Veranstaltungen.
Die meisten Farbdrucke, die man als lithografische Drucke ansehen kann, waren zweifelsohne Vervielfältigungsarbeiten, deren japanische Technik die Kriegsgefangenen sich auch aneigneten und dann selbstständig weiterentwickelten

Puppen-Konzert der
"Neunten Sinfonie"
Zudem betrieben die Kriegsgefangenen auch Umdrucke, und die Lagerzeitung "Die Baracke" mit insgesamt über 2.700 Seiten ist heute noch erhalten. Zwar gab es in jedem Lager eine Lagerzeitung, doch jene des Lagers Bando und des Lagers Matsuyama sind die einzig vollständig erhaltenen. Diese wertvollen Materialien werden von der "Forschungsgruppe für historische Dokumente" des heutigen Deutschen Hauses als Übersetzungsreihe herausgegeben.
Die Aktivitäten der deutschen Soldaten fanden aber nicht nur unter den Soldaten selbst statt, sondern sie erstreckten sich auch auf die dortige Bevölkerung.
Das heute noch erhaltene Gebäude "Funamoto-Bokusha" wurde erbaut als die deutschen Soldaten bei der Bevölkerung Interesse hervorriefen. In jenem Gebäude erhielt die Bevölkerung von ihnen Anleitungen wie in der Viehzucht und in der Milchproduktion. Auch gaben sie der Bevölkerung Anleitungen in der Agrarwirtschaft, und sie unterrichteten sie in der Herstellung von Brot, Kuchen und Wein. Überdies eröffnete Paul Engel, einer der Orchesterdirigenten, ein Unterrichtszimmer für Musik und schuf somit die Grundlage für die Musikkultur in Tokushima.

3. Wiederbelebung des Austausches

Wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Wiederbelebung des Austausches mit den ehemaligen Kriegsgefangenen gegeben hätte, so hännte das gegenwärtige Deutsche Haus mit seinen zahlreichen Dokumenten sicherlich nicht existieren können.
Nachdem die deutschen Kriegsgefangenen heimgekehrt waren, wurde das ehemalige Lager als Truppenübungsplatz des japanischen Militärs benutzt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es dann für Wohnzwecke für die aus Übersee Heimkehrenden verwandt. In dieser Gegend ansässige Bewohner entdeckten zufällig das zugewachsene Grabdenkmal verstorbener deutscher Kriegsgefangener und begannen es liebvoll zu pflegen.
Dies wurde auch in Deutschland bekannt und die Zahl der ehemaligen Kriegsgefangenen, die nach und nach zu Besuch kamen, nahm zu, und die Stimmen für den Bau eines Deutschen Hauses wurden immer lauter. Auch aus Deutschland wurden viele wertvolle Unterlagen als auch Grundkapital überreicht, und so entstand das vormalige Deutsche Haus. Diesem Geist nachfolgend ist schließlich im Jahre 1993 (5. Jahr der Heisei-Ära) das neue, gegenwärtige Deutsche Haus erbaut worden.


Das Konzert zur Heimkehr von Beethovens Neunter Sinfonie
und die Suche nach Nachkommen der Kriegsgefangenen


Von Seiji Nakamura,
Kulturförderungsabteilung

Tosender Applaus, als wären alle Schleusen geäffnet, und Tränen der Rührung! Im Staatstheater der Stadt Lüneburg war man in den Nachklang der Rührung und der Fiebrigkeit des Konzertes von Beethovens Neunter Sinfonie eingehüllt, das gemeinsam zwischen Japanern und Deutschen veranstaltet wurde. Das ausverkaufte Konzert war gerade zu Ende gegangen, und der Applaus des aufgestandenen Publikums lies nicht nach. Man war durch die vollendete, große Leistung des 112 köpfigen Chores auf der Bühne, der sich aus 92 aus Japan angereisten und aus 20 deutschen Teilnehmern zusammensetze, in einem Gefühl der Zufriedenheit versunken.
?berdies konnte man unter dem Publikum 52 Nachkommen von ehemaligen deutschen

Gemeinsames Konzert in Lüneburg
Kriegsgefangenen, die w?hrend des Ersten Weltkrieges im Gefangenenlager Bando der Stadt Naruto interniert waren, ausfinding machen. Auch sie geizten mit ihrem Beifall nicht. Heute vor rund 80 Jahren verbrachten ca. Tausend deutsche Soldaten, die in der chinesischen Stadt Tsingtao gefangengenommen wurden, zwei Jahre und zehn Monate im damaligen Gefangenenlager Bando. Auf der Grundlage der freim?tigen Verwaltungsweise des Lagerkommandanten Toyohisa Matsue war den Soldaten ein vergleichsweise freiz?giges Leben erlaubt, und die dortige einheimische Bev?lkerung lernte von der Kultur und den ?berragenden Techniken der Deutschen, wie z.B. in den Bereichen der Milchwirtschaft und der Herstellung von Molkereiprodukten, als auch in dem Bereich des deutschen Druckereiwesens. Mit ?ber Hundert Konzertauff?hrungen in und au?erhalb des Lagers fand auch eine lebhafte Musik- und Konzertaktivit?t statt, und so wurde unter anderem zusammen mit Ch?ren die Neunte Sinfonie Beethovens zum ersten Mal ?berhaupt in Japan aufgef?hrt.
Es war ein langjähriger Traum der Menschen, die jedes Jahr im Juni in der Stadt Naruto "An die Freude" singen, den Kontakt vor 80 Jahren zwischen Japanern und Deutschen wiederzubeleben und ein Konzert der Neunten Sinfonie in Deutschland, wo Beethoven geboren wurde, zu veranstalten.
Doch die Suche nach Nachkommen der Kriegsgefangenen war eine ziemlich mühselige Arbeit. Schließlich sind doch über achtzig Jahre vergangen, und zwar gab es unter den Nachkommen Familienangehörige, die persönlich nach Naruto zu Besuch kamen, doch deren Zahl ist verschwindend gering, und dass wir zumindest Anhaltspunkte für Nachkommen erhielten, lag an den Nachforschungen, um die die Stadt Naruto die Stadt Lüneburg vor etwas über zehn Jahren bat.
Doch die Nachforschungsergebnisse lagen noch vor der Wiedervereinigung Deutschlands, und es gab viele, die in der ehemaligen DDR lebten. So schickten wir zwar Einladungskarten, doch viele kamen mit dem Vermerk "Adressat unbekannt" wieder zurück. Dennoch konnten wir aber auch durch manche Karte neue Nachkommen ausfindig machen. Außerdem schickten wir auch Karten an die hier in Japan lebenden Nachkommen, und dabei bekamen wir einen Anruf von einem jüngeren Bruder eines in Japan lebenden Nachkommen: "Ich wohne zwar in Deutschland, doch gerne würde ich auch eine Einladungskarte bekommen.". Überdies teilte uns Herr Bruno Hake, der in Kontakt mit Nachkommen steht, weitere Adressaten mit.
So verschickten wir an die Nachkommen die Konzerteinladungen, und wir erhielten auch ihre Zusage, doch wir waren uns nicht gewiss, ob sie wirklich kommen w?rden. Aber an dem Tag vor demKonzert fuhren sie von ihrem Wohnort wirklich zu dem Treffpunkt, und in der Hotelhalle sah man sie sich nach einem langen Wiedersehen gegenseitig umarmen.Nun waren wir uns gewiss, dass das Vorhaben Wirklichkeit wurde. Es ist zwar Schade, dass wegen
Treffen mit Nachkommen
des begrenzten Tagesprogrammes die Stunden des Austausches zwischen den japanischen Chorteilnehmern und den Nachkommen der Kriegsgefangenen kurz waren, doch war es eine freudige Nachricht, zu h?ren, dass die Nachkommen aufs Neue den Freundschaftskreis "Bando-Verein" gr?ndeten. Somit war das Konzert, zu dem auch die Nachkommen kamen, ein Riesenerfolg.
Dieses Konzert erneut als Anlass nehmend, möchten wir mit der Fortführung der deutsch-japanischen Freundschaft auch weiterhin den Austausch mit den Nachkommen der Kriegsgefangenen aufrechterhalten und dadurch die Freundschaft zwischen Japan und Deutschland vertiefen.



Deutsche Besucher des Deutschen Hauses
(von April bis November 2001)


Die Besucherzahl des Deutschen Hauses in dem Zeitraum zwischen April und November 2001 beläuft sich auf rund 34.000 Personen. Durchschnittlich waren dies somit 4.800 Personen pro Monat.
In jenem Zeitraum waren unter ihnen 200 ausländische Besucher, wobei hiervon die Hälfte Deutsche waren. Die Deutschen, die beruflich das Deutsche Haus besuchten, sind hierbei miteinbezogen, und die wichtigsten unter ihnen waren seit April folgende Personen:

01. April  Frau Gisela Oberl?nder (Deutsch-Japanische Gesellschaft Bonn e.V.)
03. Mai  Herr Christian W. Sprang (International Christian University, Tokyo)
12. Mai  Abgeordnete des nieders?chsischen Landtages (ca. 20 Personen)
02. Juni  Herr Johannes Preisinger (Generalkonsul der BRD in Japan)
04. Juni  Mitglieder des Chores aus L?neburg (7 Personen)
14. Juli  Herr Uwe K?stner (Botschafter der BRD in Japan) und Gattin
22. Juli  Herr Dieter Giersberg
20. Oktober  Herr J?rgen Wellbrock
27. Oktober  Herr Peter Schmalfu? (Pianist)
Tarallucci dolci (3 Mitglieder der Lüneburger Sinfoniker)
08. November  Herr Joachim Rudolf (Pr?sident der Firma Rudolf)


N a c h w o r t :
Kranzniederlegung des Botschafters

Dieser Bericht wird von Herrn Roland Schulz, der zur Zeit im Deutschen Haus tätig ist, ins Deutsche übersetzt. Wir planen, den Bericht einmal oder zweimal im Jahr herauszugeben.


Ruhe-Index